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Trauern & Abschiednehmen

12. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Sept.


Mein Vater ist vor wenigen Tagen gestorben. Gerne möchte ich meine Erfahrungen im Umgang mit dem Abschiednehmen von ihm beschreiben. Möge es dem Leser unter ähnlichen Umständen helfen.


Die Kräfte, die in der Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen und der plötzlich neuen Lebenssituation wirken können, sind unbeschreiblich. Es sind vom Verstand kaum greifbare Dimensionen. Die Konfrontation mit der Endlichkeit des körperlichen Lebens macht was mit einem. Es ist ein multidimensionales Geschehen. So nehme ich es wahr.


Und nachdem nun die ersten Tage vergangen sind, seit mein Vater seinen Körper verlassen hat, erkenne ich einen Schlüssel, um mit all dem umzugehen: wie in so vielen bzw. allen Lebenssituationen, liegt auch im Todesfall eines Nahestehenden der Schlüssel in der Gegenwart, im Präsentsein.


Auffällig fand ich – und das habe ich auch von anderen gehört –, wie schnell uns nach dem Tod eines nahestehenden Menschen die Gedanken zu Erinnerungen führen. Wie durch einen automatischen Magnetismus tauchen Bilder und Gefühle aus vergangenen Zeiten auf. Auch Gedanken darüber, was der Verstorbene nun verpassen und nicht mehr erleben wird.


Aber ich merkte, dass Melancholie und Anhaftungen dieser Art und damit verbundene Trauer mir, der Hinterbliebenen, nicht dienen, mir keinerlei Kraft geben. Am meisten Stärke liess tatsächlich die Gegenwart in mein System fließen.


Wenn meine Gedanken immer wieder zu Erinnerungen zurückkehrten, war es gut, nicht an allem festzuhalten, was an Bildern und Gefühlen auftauchte. Wahrnehmen, bewusst atmen und weiterziehen lassen. Keinen mentalen Anker in den Geschichten werfen.


Auch war es für mich wichtig, den Schmerz, die Probleme und verpassten Gelegenheiten meines Vaters nicht mitzutragen und zu meinem eigenen Leid zu machen. Es ist sein Schicksal. Und er trug es mit Würde.


Das Präsentsein verlangt allerdings eine bewusste Entscheidung und einen achtsamen Umgang mit den eigenen Gedanken. Und das ist eine Entscheidung, die immer wieder neu getroffen werden muss. Für mich war es ein Balanceakt: die Trauer zuzulassen und zu fühlen, ohne mich immer wieder vollständig von ihr mitreißen zu lassen. Denn ich merkte wie diese Wellen des Leidens mein Herz und Gesamtsystem schwächten.


Ich habe bewußt einen ganzen Tag meinem Vater gewidmet. Habe meine ganz eigene Zeremonie gehalten. Ich bin zum Gottesdienst in die Kirche gegangen (hätte ihm sehr gefallen), habe meditiert, gebetet, heilige Musik gespielt, Kerzen brennen lassen. Und ich sass mit der neuen Situation einfach da, hab alle Gedanken erlaubt und beobachtet, was passiert. Verschiedene Erinnerungen, Gefühlen und Emotionen habe ich durchlebt. Ich ging durch das ganze Spektrum  – Traurigkeit, Freude, Wut, Mitgefühl, Vergebung. Ich habe beobachtet, gespürt und geatmet. Ich schrieb nichts auf, sondern ließ alles einfach durch mich hindurchgehen.


Schliesslich durchflutete mich die “größte Welle”, die der Dankbarkeit und Liebe. Und so berührend und schmerzlich auch dieses Gefühl des Danks war, so kraftgebend und beruhigend war es auch. Mit dem Wissen: alles war und ist genau richtig. Ich bin in Frieden mit dem was war und dem was jetzt ist. Und ich bin froh über unsere letzte Begegnung und unser letztes Telefonat. Sie waren getragen von Nähe, Respekt und liebevoller Verbundenheit. Obwohl ich meinem Vater nicht direkt sagen konnte, dass ich ihn liebe, konnte ich etwas ausdrücken, das sich für mich aus tiefstem Inneren richtig anfühlte: „Papa, ich respektiere dich.“ Sein Gesicht hellte sich auf, seine Atmung veränderte sich für eine Sekunde und er entspannte. Ich wusste, meine Worte hatten ihn erreicht.


Mein Vater – April 1973 und vor einem Jahr im August 2012, (* 1936, † 09.August 2013)
Mein Vater – April 1973 und vor einem Jahr im August 2012, (* 1936, † 09.August 2013)

Durch mein eigenes Nahtoderlebnis als Teenager, durch Meditation und eigene Erfahrungen mit Rückführungen ist in mir die tiefe Überzeugung entstanden, dass der Körper „aufhört“, die Seele aber weiterzieht. Die Endlichkeit ist relativ.


Der Prozess des sich Lösens vom Toten hat auch etwas zu tun mit dem Loslassen von Energieschnüren, welche uns Menschen miteinander verbinden. Ich bat bewußt um das Ablösen der Bindungen auf allen Ebenen (physisch, energetisch, emotional, mental und feinstofflich). Ein Gebet kann beispielsweise sein: „Möge das höchstgöttliche Licht all meine Verstrickungen und Anhaftungen an den Toten auflösen und heilen. Möge wir in reiner Liebe und Freiheit sein.“ Ich hatte das Gefühl, dass dieser Prozess meinem Vater erlaubte, wirklich zu gehen – und das hat gleichzeitig auch mich erleichtert.


All das machte mein Herz einerseits empfindlicher für Wahrnehmungen, gleichzeitig aber auch stärker. Ich hatte außerdem den Eindruck, dass die energetische Verbindung zwischen meinem Vater und mir dazu beigetragen haben könnte, dass ich mein Leben in dieser Zeit als außergewöhnlich intensiv empfand – erfüllt von feineren, mystischen Schwingungen und Wahrnehmungen.


Nie hätte ich mir das so vorstellen können. Es muss wohl erlebt werden.


Schließlich bemerkte ich, wie sich eine gewisse Gelassenheit und Nüchternheit einstellten. Das war beruhigend und tat mir gut. Aber ich denke es ist dabei ganz wesentlich, diese Nüchternheit nicht als schlecht, distanziert, gefühlskalt oder als einen Zustand für den man sich schuldig fühlen müsste, zu bewerten. Ich empfand diese Art Neutralität als „angemessene Mitte“ in meiner Situation, die mir Halt und Kraft gab, und mich wach, präsent und mitfühlend sein liess – aber ohne (Mit-)Leiden.


Sicher, es gibt noch Momente der Trauer, aber sie gleiten nicht in Ohnmacht und abgrundtiefen Schmerz.


Wie gesagt, es ist ein Balance-Akt auf dem Seil der Präsenz. Wirklich nicht leicht. Aber machbar. Eine Leistung des Gewahrseins, des Herzens und der bewussten Wahl, jeden Augenblick neu.


Gerne möchte ich noch einen pragmatischen Hinweis geben:


Ihr, die Ihr noch lebt, regelt mit Euren Nachkommen, alles was zu Lebzeiten regelbar ist. Entscheidet, wie Ihr bestattet werden möchtet, schreibt ein Testament und legt einen Ordner mit allen wichtigen Papieren an. Schenkt mit warmen Händen zu Lebzeiten. Und klärt Eure ungeklärten Angelegenheiten und Beziehungen jetzt. Macht Euch frei, um jederzeit in Frieden gehen zu können.


Gebet für Verstorbene


„Herr, gib ihm /ihr die Erfüllung seiner/ihrer Sehnsucht und vollende sein/ihr Leben in dir.Lass ihn/sie dein Antlitz schauen. Vereint mit den Engeln loben und preisen sie deine Herrlichkeit. Wir bitten dich: schenk unseren Verstorbenen dieses neue Leben. Nimm sie auf in die Gemeinschaft der Heiligen und gib ihnen das Glück, dich zu schauen und zu loben.Herr, unser Gott, du bist allen nahe, die zu dir rufen. Auch wir rufen zu dir aus Not und Leid. Lass uns nicht versinken in Mutlosigkeit und Verzweiflung, sondern tröste uns durch deine Gegenwart. Gib uns die Kraft deiner Liebe, die stärker ist als der Tod. Mit unseren Verstorbenen führe auch uns zu neuem und ewigem Leben.Herr, gib ihm/ihr die ewige Ruhe.Möge das ewige Licht ihm/ihr leuchten.Lass ihn/sie ruhen in Frieden.Danke. Amen.“ – Extrakte aus Gotteslob, Gebte- und Gesangbuch, Bistum Münster 1975



Original Publikation: 11. August 2013 auf Atelier Ananda

Überarbeitet: 12. September 2026

 
 
 

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