Verkrampft, spießig und gehemmt
Aktualisiert: 4. Okt.

Damals in Hamburg. Lang, lang ist es her. Wie lang genau, keine Ahnung, denn die Abi-Zeitung meines Jahrgangs hat es versäumt, ein Datum auf das Cover zu drucken. Ich erinnerte mich heute beim Kochen an meinen Artikel, den ich damals last minute zum Redaktionsschluss beigesteuert hatte. Das Redaktionsteam hatte mich gefragt, ob ich nicht noch die halbe leere Magazinseite füllen könnte. Und so schrieb ich spontan eine Review meines Kunst-Leistungskurses. Und ja, der Lehrer schnitt nicht gut ab. Aber wir ja auch nicht.
Mein Artikel von damals war betitelt: „Verkrampft, spießig und gehemmt“. Und damit waren wir Schüler gemeint, die Kunst als Leistungskurs und damit als Abiturprüfungsfach gewählt hatten. Es war das Zitat unseres Kunstlehrers und ein Kommentar, den wir in dieser Zeit immer wieder zu hören bekamen.
Während ich heute darüber nachdenke, muss ich zugeben: Ja, wir waren verkrampft, spießig und gehemmt. Aber wir waren noch so viel mehr.
Wir waren neugierig, offen, interessiert. Zu Beginn des Kurses sogar noch motiviert, leidenschaftlich und gut gelaunt. Wir wollten lernen und experimentieren, wollten in die Kunst eintauchen, selbst Künstler sein und etwas von Bedeutung schaffen.
Unsere Bereitschaft war da. Aber leider fehlte es an guter Führung.
Herr Hertel, Sie meinten es gut. Sie wollten uns anschieben, uns wachrütteln. Und Sie hatten ja nicht ganz unrecht: Wir waren verkrampft, spießig und gehemmt. Aber wir waren eben auch so viel mehr. Wie hätten wir aufblühen können unter einer weisen, großzügigen und wohlwollenden Anleitung! Ohne Holzhammermethode und abwertende Kritik. „Ihr seid sowieso alle ungeeignet für einen Kunst-LK!" gehörte dazu. Dass wir Kunst-LK wählten, weil wir im Kunstunterricht der vorherigen Jahre bereits ein gewisses Talent bewiesen hatten, schien keine Rolle zu spielen.
Mein damaliger Abizeitungsartikel war jugendlich kritisch, direkt und in vielem unreflektiert. Halt eine Art Befreiungsschlag.
Es gab aber auch inspirierende Momente in dem Kunst-LK. Ich denke da besonders gern an unsere öffentliche Ausstellung inklusive Vernissage nach einem Semester „Skulptur“. Jeder Schüler hatte verschiedene Skulpturen geformt. Aus unterschiedlichsten Materialien: Speckstein, Ton, Wachs, Papier. Wir lernten, wie wichtig auch der Sockel und das Licht – quasi die Bühne – für die Präsentation einer Skulptur sind. Das weiß ich heute noch und beachte es beim Dekorieren des Hauses oder wenn ich Kunstausstellungen besuche. Unser Kunstlehrer hatte uns, oder zumindest mir, zudem die Erkenntnis mitgegeben, dass Kunst nicht nur im fertigen Werk, sondern im Prozess besteht. Das war eine wesentliche Erfahrung und die ist hängengeblieben.
Heute hatte ich den Impuls, mich bei Herrn Hertel zu entschuldigen. Zu schreiben, dass ich meinen kritischen Artikel in der Abizeitung bedauere. Aber während ich dies hier tippe, gestaltet sich eine ganz andere Art von Botschaft.
Ja, ich gebe zu: Wir waren verkrampft, spießig und gehemmt. Aber warum denn? Was hat uns geprägt? Wir kamen aus unterschiedlichen Familien und Lebensumständen und brachten alle unsere eigenen Prägungen mit.
Und wir waren Deutsche. Auch kulturelle Vorstellungen davon, was vernünftig, richtig, schön oder peinlich ist, prägen schliesslich, wie frei oder unfrei wir uns ausdrücken.
Wie hätten wir mit einem Lehrer, der unsere Stärken sieht und fördert, aufblühen können! Einem Lehrer, der mehr Ermutigung, mehr Vertrauen, mehr Raum, mehr Zuspruch gibt.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis, die mir heute geblieben ist: Herr Hertel hatte mit seiner Beobachtung möglicherweise recht und lag mit seiner Art, darauf zu reagieren, trotzdem daneben. Er hat mir etwas über Kunst beigebracht, das ich bis heute erinnere. Und seine Art hat unser Potenzial trotzdem nicht gerade zum Aufblühen gebracht. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Ich glaube Menschen brauchen, um sich zu entwickeln, nicht unbedingt jemanden, der ihnen sagt, was mit ihnen nicht stimmt. Sie brauchen jemanden, der auch sehen kann, was noch in ihnen steckt.
Titelbild: Tonfiguren, Kunst am Phoenix Gymnasium Dortmund
Original Publikation: 11. Dezember 2025 für Atelier Ananda
Revision: 2. Oktober 2026



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