Das Übernatürliche – lebendig in Indien und mit Skepsis betrachtet im Westen
Aktualisiert: 4. Okt.

Als ich jung war, hatte ich immer den Drang, Deutschland zu verlassen. Ich fühlte mich von einer allgemeinen Schwere und einem starren gesellschaftlichen Umfeld eingeengt. Auch beruflich konnte ich mit der Herangehensweise im Bereich Kommunikationsdesign wenig anfangen. Ich wollte mein Heimatland so schnell wie möglich verlassen. Ich war mitten im Studium als ich ein Stipendium für ein Auslandsjahr erhielt. Ich sagte zu. Seitdem habe ich an vielen Orten zwischen Europa und den Emiraten gelebt.
Irgendwann führte mich mein Weg nach Indien. Hier fühlte ich mich trotz Chaos, Staub und subtropischem Klima sofort zu Hause. Mit der Zeit begann ich zu verstehen, warum. Hier begegnete ich einer Kultur, in der das Göttliche und Metaphysische einen Platz im Alltag haben. Mein Interesse gilt dabei nicht wirklich der Religion, sondern den spirituellen Dimensionen – unabhängig von Institutionen, Dogmen und Mittelsmännern.
Tempel, Schreine, Rituale, kleine Gesten, Gebete, Astrologie, Götter und Göttinnen, spirituelle Praktiken und Vorstellungen von Realitäten jenseits des unmittelbar Sichtbaren gehören hier einfach zur kulturellen Landschaft. Das geht weit über „institutionalisierte Religion“ hinaus. Und es schafft eine Atmosphäre, die ich als wohltuend und nährend für die Seele empfinde. Selbst die alltägliche Begrüssung Namaste – mit vor dem Herzen gefalteten Händen (Anjali Mudra) und einer leichten Verbeugung – hat eine tiefe spirituelle Bedeutung: Das Göttliche in mir ehrt das Göttliche in dir. Das hat schon einen ganz anderen Vibe als das zupackende europäische Händeschütteln.
Rückblickend verstehe ich, was mich an Indien anzieht und was mich eigentlich die ganze Zeit angetrieben hat: Freiheit und ein Umfeld mit Menschen, die das Spirituelle in ihre alltägliche Realität integrieren.
Mich interessieren die unsichtbaren Aspekte des Lebens, unsere ursprüngliche menschliche Natur und unsere Fähigkeiten, Energie und Bewusstsein, aber auch unser kreativer Ausdruck und die Liebe zwischen Menschen, Natur und Tieren. Hätte mein Fokus auf Materialismus, weltlichem Komfort und dem Anhäufen von Wohlstand gelegen, wäre ich vermutlich in London, Mailand, Zürich oder Dubai geblieben.
Informationen über übernatürliche oder metaphysische Realitäten finden sich in vielen religiösen und spirituellen Traditionen. Andere Wesenheiten, unsichtbare Bereiche und aussergewöhnliche menschliche Fähigkeiten tauchen in Texten und Überlieferungen verschiedenster Kulturen auf. Was mich in Indien beeindruckt, ist nicht einfach, dass solche Vorstellungen existieren, sondern dass darüber ganz selbstverständlich gesprochen werden kann. Sie wurden nicht vollständig in Mythologie, Fiktion oder das Irrationale abgeschoben. Menschen sprechen offen über Rückführungen in frühere Leben und Karma (das Gesetz von Ursache und Wirkung), so wie Menschen im Westen über ihre Wochenendpläne sprechen.
In hinduistischen Schriften werden übernatürliche Kräfte, die sogenannten Siddhis, ausführlich beschrieben. Diese Fähigkeiten werden traditionell mit spirituellen Praktiken wie Meditation, Yoga und anderen Formen der Sadhana in Verbindung gebracht. Patanjalis Yoga Sutras beschreiben solche Phänomene beispielsweise im Zusammenhang mit konzentrierter yogischer Praxis.
Auch christliche Traditionen enthalten Berichte über übernatürliche Fähigkeiten und Erfahrungen. Im Neue Testament ist von „geistlichen Gaben“ oder Charismen die Rede, darunter Heilung, Erkenntnis, Prophetie, Wunder und die Unterscheidung der Geister. Auch spätere christlich-mystische Traditionen berichten von Visionen und anderen aussergewöhnlichen Phänomenen. Im Christentum werden spirituelle Gaben jedoch in erster Linie als Werkzeuge für den Dienst an anderen verstanden und weniger als Zeichen persönlichen spirituellen Fortschritts. Christliche Lehren warnen häufig davor, aussergewöhnliche Erfahrungen oder Kräfte um ihrer selbst willen zu suchen und betonen Demut sowie die Gefahr des Stolzes.
Hier gibt es interessante Parallelen zu indischen Traditionen, die das Übernatürliche anerkennen und gleichzeitig davor warnen, davon fasziniert zu sein oder sich damit zu identifizieren.
Auch die indische religiöse Literatur kennt eine reiche Welt nichtmenschlicher Wesen und Entitäten: Devas, Asuras, Pishachas und viele andere. Biblische und spätere christliche Traditionen haben ihre eigenen Kosmologien mit Engeln, gefallenen Engeln, Dämonen und anderen Geistwesen. Verschiedene Kulturen beschreiben also seit sehr langer Zeit Realitäten jenseits des Sichtbaren.
Als ich in Deutschland aufwuchs, gehörte das Übernatürliche weder zu unserer Schulbildung noch zu gewöhnlichen gesellschaftlich akzeptierten Gesprächen. Was messbar, nachweisbar oder rational erklärbar war, hatte deutlich mehr Autorität als Intuition, mystische Erfahrung oder metaphysische Spekulation.
Die moderne westliche Kultur kennt natürlich Philosophie und Religion, aber das öffentliche Leben wurde stark von wissenschaftlicher Forschung sowie von der Trennung religiösen Glaubens von Erfahrungswissen geprägt. Gerade in Deutschland liegt ein starker Fokus auf Gestaltung der äusseren Welt und mir fehlt dabei die Balance. Etwas geht verloren, wenn das Materielle, Messbare und logisch Erklärbare dominieren.
Traditionell werden in Indien ganzheitliche Praktiken auch als „Wissenschaften“ bezeichnet, etwa die „Wissenschaft des Yoga“, während sich der Begriff im modernen westlichen Sprachgebrauch meist auf die systematische Untersuchung von Phänomenen bezieht, die erforscht und überprüft werden können. Dasselbe Wort kann also sehr unterschiedliche Vorstellungen davon enthalten, was überhaupt als Wissen oder Wissenschaft gilt.
Ob Menschen sich dessen bewusst sind oder nicht: Es geht etwas verloren, wenn eine materialistische Art der Wahrnehmung so dominant wird, dass andere Formen menschlicher Erfahrung vor allem mit Misstrauen, Geringschätzung oder sogar Verlegenheit betrachtet werden. Ein rein materielles Verständnis des Lebens hat mir nie ausgereicht. Bewusstsein, Intuition, Bedeutung, innere Erfahrung und unsere Beziehung zum Heiligen sind für mich wichtig und beeinflussen, wie ich lebe und arbeite.
Eine Sichtweise, der ich in Indien häufig begegne, ist, dass alles – belebt wie unbelebt – Teil des Göttlichen ist und jeder von uns sich direkt mit Gott verbinden kann. Das ist stark. Wir brauchen keinen anderen Menschen und keine Institution, die uns sagt, wie unsere Beziehung zum Göttlichen aussehen soll. Lehrer, Traditionen, Rituale, religiöse oder spirituelle Gemeinschaften können diese Beziehung unterstützen, sollten aber niemals unsere direkte Erfahrung ersetzen.
Vielleicht war das ein Teil dessen, wonach ich eigentlich suchte, als ich Deutschland Anfang 20 verliess: nicht nach einer Kultur, die mir das Übernatürliche beweisen konnte, sondern nach einer, die selbstverständlich mehr Raum für das Geheimnisvolle und Mystische liess.
Indien gab mir diesen Raum. Mit der Zeit lehrte es mich aber auch, dass Offenheit für das Metaphysische Unterscheidungsvermögen braucht. Nicht alles, was sich spirituell nennt, ist wahrhaftig und wohlwollend.
Aber genauso wahr ist: Nicht alles, was sich nicht messen lässt, ist deshalb unreal.
Original Publikation: 5. Juni 2024 für Atelier Ananda
Revision: 30. September 2026



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