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Riskante Non-Dualität & Spirituelles Bypassing

19. Sept.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Okt.



Nicht-dualistische Lehren betonen die Einheit von allem und die transzendente Natur der Realität. Das kann uns in gewisser Hinsicht erleichtern, denn es relativiert menschliches Leiden und Konflikte jeglicher Art. Aber es kann auch zu „spiritueller Vermeidung“ kommen – im Englischen Spiritual Bypassing –, wenn wir diese Philosophien nutzen, um den Herausforderungen und Komplexitäten unseres persönlichen Lebens zu entkommen.


Spirituelle Konzepte können zu einem Mittel werden, um ungelösten emotionalen Problemen, psychischen Wunden und unvollendeten Entwicklungsaufgaben aus dem Weg zu gehen, was dann gern mit „Ich bin größer als meine Geschichte“ und „Alles ist eh Illusion“ gerechtfertigt wird.


John Welwood, der den Begriff „Spiritual Bypassing“ geprägt hat, beschrieb damit unter anderem den Versuch einer „vorzeitigen Transzendenz“: Spirituelle Wahrheit wird dazu benutzt, relative menschliche Bedürfnisse, materielle Herausforderungen sowie Gefühle, psychologische Probleme oder Beziehungsschwierigkeiten zu umgehen oder auch abzuwerten.


Diejenigen, die für eine Realitätsprüfung offen sind, erfahren hier einige Beispiele dafür, wie sich Spiritual Bypassing im non-dualen Ansatz (Advaita- und Satsang-Kultur) oder auch in einigen New-Age-Lehren manifestieren kann:


  1. Leugnung persönlicher Probleme: Persönliche Probleme können heruntergespielt oder geleugnet werden, indem Konzepte wie „Alles ist eins“, „Es gibt kein Selbst“ oder „Wir sind größer als unsere Geschichte“ verwendet werden. Die Bedeutung emotionaler und psychologischer Herausforderungen aber auch materieller und finanzieller Schwierigkeiten werden so abgetan.

  2. Überdosis Positivität: Es kommt häufig vor, dass die Aufrechterhaltung einer positiven, distanzierten Haltung überbetont wird („Nichtanhaftung“) und die Anerkennung und Verarbeitung dessen, was als „negative“ Emotionen erscheint, vermieden wird. Die Vorstellung, dass letztendlich „alles perfekt ist wie es ist“ kann dazu genutzt werden, zu unterdrücken, was wirklich im eigenen Leben vor sich geht, und zu glauben, dass die Konzentration auf Positivität der Schlüssel für spirituelle Entwicklung ist.

  3. Konfliktvermeidung: Der Glaube, dass „Trennung eine Illusion ist“, kann dazu führen, dass wichtige Konfrontationen oder schwierige Gespräche vermieden werden. Vermeidung wird mit der Behauptung gerechtfertigt, Konflikte seien „Maya“, bloße Illusionen, während Harmonie und „Licht und Liebe“ die ultimative Realität darstellen. Damit verschwindet ein Konflikt allerdings nicht. Ein spirituelles Konzept kann also die Auseinandersetzung mit ihm vermeiden, aber es löst ihn nicht.

  4. Aufhebung persönlicher Grenzen: Typisch ist auch, persönliche Grenzen zu missachten, da „alles miteinander verbunden ist“. Dies kann zu einem Mangel an Unterscheidungsvermögen und Urteilskraft führen – in Beziehungen ebenso wie in spirituellen Gemeinschaften. Die Erfahrung von Verbundenheit oder Einheitserlebnisse heben persönliche Grenzen nicht auf und machen die Unterscheidung zwischen mir und dir im menschlichen Zusammenleben nicht überflüssig. Es kann sich lohnen, der Frage nachzugehen, wer vom Aufheben persönlicher Grenzen womöglich einen Vorteil hat.

  5. Abhängigkeit von spirituellen Praktiken: Jemand, der mit emotionalen oder psychischen Problemen zu tun hat, vermeidet möglicherweise die Suche nach Therapie oder anderer geeigneter Unterstützung und verlässt sich zur Bewältigung ausschließlich auf spirituelle Praktiken wie Meditation, Exerzitien an besonderen Orten, Satsangs und Chanting. Spirituelle Praktiken können hilfreich oder angenehm sein und trotzdem nicht ausreichen, um die psychologische oder emotionale Heilarbeit zu ersetzen.


Es ist ein grosses Missverständnis, wenn absolute Wahrheiten mit relativen, weltlichen Wahrheiten gleichgesetzt bzw. verwechselt werden. Ich habe es selbst beobachtet – gerade hier in Indien wo es regelrecht Non-Duality und Advaita Communities gibt –, wie dies ein Weg in die Sackgasse sein kann. Das Annehmen des Einsseins und Einheitsbewusstseins sollte nicht ausser Acht lassen, dass wir gleichzeitig Menschen mit Gefühlen, Bedürfnissen, Pflichten, Beziehungen, Grenzen, Konflikten und Entscheidungen bleiben.


Eine Herangehensweise an das Leben, die sowohl die transzendenten als auch die verkörperten Aspekte unserer menschlichen Existenz anerkennt, kann helfen, Spiritual Bypassing zu vermeiden.


Die Erfahrung von Transzendenz und Einheit hebt unsere menschliche Wirklichkeit nicht auf. Spirituelle Einsichten können uns aber helfen, ihr anders zu begegnen.




Original Publikation: 30. Dezember 2023 auf Atelier Ananda

Überarbeitet: 19. September 2026

 
 
 

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