Herz ja, aber mit Unterscheidungsvermögen
Aktualisiert: 4. Okt.

Mag es für viele Menschen darum gehen, sich endlich mit ihrem Herz zu verbinden und Gefühle zuzulassen, so geht es bei einigen anderen ganz und gar nicht darum, denn sie sind bereits “im Herzen”. Für jene gilt es tendenziell, endlich zu lernen, sich auf ihr inneres Wissen, wahres Sehen und ihre Intuition zu verlassen. Kurz gesagt: Unterscheidungsvermögen zu praktizieren.
Denn das Herz alleine reicht nicht, um diese Realität zu navigieren.
Sich öffnen, empathisch sein, fühlen, lieben, ... wundervoll. Aber nicht jede Herzensbewegung ist automatisch eine Handlungsanweisung.
Ich kann Mitgefühl empfinden, ohne gleich zuständig sein zu müssen. Ich kann jemanden verstehen, ohne sein Verhalten gutzuheißen. Ich kann das Gute in jemandem sehen, ohne das andere Gesehene überzubügeln. Ich kann mich berührt fühlen, ohne daraus Vertrauen abzuleiten. Und ich kann lieben und trotzdem Nein sagen.
Bei allem und mit jedem offenherzig und auskunftsfreudig zu sein oder jemandem blindlings sein eigenes Leben in die Hand zu geben, ist unangemessen. Und ständig ungebeten zu helfen ist übergriffig.
Das Problem liegt dabei nicht unbedingt in unserer Wahrnehmung. Wir können tatsächlich etwas Schönes, Verletzliches oder Liebenswertes in einem Menschen sehen. Wir können eine tiefe Verbindung empfinden oder etwas in ihm erkennen, das wahr ist. Problematisch wird es dort, wo wir aus dem Wahrgenommenen gleichzeitig Annahmen und Erwartungen ableiten.
Ich sehe das Gute in einem Menschen – also vertraue ich ihm. Ich verstehe seine Verletzlichkeit – also wird er auch meine sehen. Ich fühle Liebe – also ist diese Beziehung gut für mich. Ich sehe sein Potential – also wird es sich verwirklichen. Ich kann helfen – also sollte ich helfen.
Das Herz kann etwas Wahres wahrnehmen und wir können daraus trotzdem falsche Schlüsse ziehen. Und vor allem können wir nicht einfach von uns auf andere schliessen. Natürlich tun wir das trotzdem ständig, aber es ist eine trügerische Logik. Wenn Du vertrauenswürdig, ehrlich und fair bist, kannst Du nicht automatisch davon ausgehen, dass andere auch so sind.
Unterscheidungsvermögen bedeutet daher, auseinanderzuhalten: Was habe ich tatsächlich wahrgenommen? Was nehme ich lediglich an? Was erwarte ich aufgrund dieser Annahme? Und was folgt daraus wirklich für mein Handeln?
Also Herz ja, aber mit Unterscheidungsvermögen.
Original veröffentlicht: 1. August 2022 auf Atelier Ananda
Revision: 12. September 2026



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