Wer will meine Gucci-Tasche? – Vom Luxus des Loslassens
Aktualisiert: 4. Okt.

Inmitten der intensiven und reichen spirituellen Atmosphäre Indiens, weit nach meiner Zeit in der westlichen Unternehmenswelt, fand ich mich mit den Überbleibseln eines Lebens konfrontiert, das ich längst hinter mir gelassen hatte. Es waren materielle Artefakte, die irgendwie noch bei mir waren. Stille Zeugen einer vergangenen Ära.
Nachdenklich sass ich vor einer Umzugskiste voller Designerhandtaschen, die einst Glamour, Geselligkeit – Aperitivi in Mailand und Opernbesuche – und Status symbolisierten. Es waren Geschenke, die nie wirklich grosse Bedeutung für mich gehabt hatten. Sie hatten keinerlei sentimentalen Wert. Dennoch wusste ich ihre Qualität – die Materialien, die präzise Verarbeitung und die Liebe zum Detail – zu schätzen.
Gleichzeitig steckte in ihnen ein ganz anderes Leben. Eine Vielzahl von Erinnerungen tauchte auf.
In einer spontanen Befreiungsaktion entschied ich mich, diese Luxusgüter auf verschiedenen Social-Media-Plattformen anzubieten, so auch in einer Gruppe für Expats in Indien.
Meinem einfachen Ruf in die virtuelle Welt, "Who wants my Gucci bag?" (Wer möchte meine Gucci-Tasche?), folgte allerdings eine unerwartete Stille. Es gab keinerlei Reaktion und das virtuelle Grillenzirpen war lauter als jede Antwort hätte sein können.
Was als Aufräumaktion begonnen hatte, wurde plötzlich zu einem ziemlich deutlichen Bild dafür, wie weit ich mich von meinem früheren Leben entfernt hatte. Westliche Luxusmarken, die anderswo Begehrlichkeiten wecken, stiessen hier am Fusse des Himalaya und im kulturellen Kontext Indiens auf bemerkenswertes Desinteresse. Aber auch in meinem eigenen Leben hatten sie ja längst ihren Stellenwert verloren.
Als die Stille anhielt, entschied ich mich schliesslich, diese einst begehrten Objekte während eines Familienbesuchs nach Europa zurückzubringen. Dort brachte ich sie zu einem Second-Hand-Laden, damit sie in einem neuen Kontext wieder Wertschätzung erfahren konnten.
Das Loslassen der Designer-Taschen markierte einen klaren Wendepunkt in meiner Biografie, auch wenn sich der eigentliche innere Wandel schon lange zuvor vollzogen hatte.


Original Publikation: 8. Juli 2024 für Atelier Ananda
Revision: 30. September 2026



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